SBB Cargo auf dem Abstellgleis
Pro Alps
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Der Einzelwagenladungsverkehr ermöglicht, dass auch Stückgut auf der umweltfreundlichen Schiene transportiert wird.
Die Schweiz will mehr Güter auf der Schiene. SBB Cargo macht derzeit das Gegenteil: Rückzug im kombinierten Verkehr (KV), Abbau beim Einzelwagenladungsverkehr (EWLV). Nun soll die Güterbahn auch noch ihre Eigenständigkeit verlieren.
Der Einzelwagenladungsverkehr (EWLV) ist unverzichtbarer Teil der Güterversorgung in der Schweiz. Rund 60 Prozent der Wagen im inländischen Schienengüterverkehr verkehren im EWLV – angeboten wird er heute von SBB Cargo. Das Parlament hat mit der Revision des Gütertransportgesetzes (GüTG) ein klares Signal gesetzt, dass diese Verlagerungsform eine Zukunft haben soll: bis 2029 erhält SBB Cargo Fördermittel von 260 Millionen Franken mit Aussicht auf Verlängerung.
Diese Unterstützung ist wichtig. Denn der EWLV, bei dem einzelne Güterwagen beladen oder befüllt und unterwegs in Rangierbahnhöfen zu neuen Zügen zusammengestellt werden, bringt Güter auch in kleineren Mengen über ein landesweites Netz auf die Schiene. Er stärkt die Versorgungssicherheit, entlastet die Strassen und reduziert Umweltbelastungen. Würde dieses System wegfallen, drohen den Schweizer Strassen jährlich bis zu einer Million zusätzliche Lastwagenfahrten.
Doch ein klares Verlagerungsziel fehlt
Das Parlament hat den Schienengüterverkehr mit zusätzlichen Fördermitteln gestärkt. Was im GüTG jedoch fehlt, ist ein verbindliches Ziel für mehr Verlagerung auf die Schiene. Ohne eine solche Vorgabe bleibt die Wirtschaftlichkeit das dominante Kriterium. Die aktuelle Entwicklung bei SBB Cargo zeigt die Folgen: Statt Wachstum und Verlagerung stehen Netzabbau, Angebotsreduktionen und Stellenabbau im Vordergrund.
Bezeichnend ist, dass auch die SBB in ihrer Kommunikation fast ausschliesslich über finanzielle Ergebnisse spricht. Ob mehr oder weniger Güter auf der Schiene transportiert werden, wird nicht kommuniziert.
Damit droht ein Widerspruch im Kern der Schweizer Verkehrspolitik: Einerseits investiert der Bund Millionen in den Schienengüterverkehr, andererseits fehlen die politischen Leitplanken, damit diese Mittel tatsächlich zu mehr Verlagerung führen. Für Pro Alps ist klar: Wer den Alpenschutz ernst nimmt, muss nicht nur die Schiene fördern, sondern auch verbindlich festlegen, dass ihr Anteil am Güterverkehr wachsen soll.
Rückbau statt Ausbau
Doch ist SBB Cargo überhaupt an der Verlagerung interessiert? Auch beim kombinierten Verkehr (KV) folgt SBB Cargo dieser Rückzugsstrategie, die einzig die Eigenwirtschaftlichkeit im Blick hat. Dies obwohl die SBB im Jahr 2022 «Suisse Cargo Logistics» noch ambitionierte Ausbaupläne präsentierte. Heute bedient sie acht der zehn KV-Terminals nicht mehr, konzentriert sich auf eine einzige Verbindung auf der Nord-Süd-Achse und hat die Ost-West-Achse aufgegeben. Aus Ausbau wurde Rückbau.
Rückbau statt Verlagerung
Nun zeigt sich dasselbe Muster beim EWLV. Im ersten Quartal 2026 wurden deutlich weniger beladene Wagen transportiert als im Vorjahr (-12 Prozent). Diese Zahlen sind öffentlich. Gleichzeitig streicht SBB Cargo rund 200 Stellen, verkleinert das Netz, baut Wagenvarianten ab und erhöht die Preise um durchschnittlich 20 Prozent. Künftig soll nur noch in zwei statt drei Produktionswellen gearbeitet werden. Silvan Gnos, Leiter Politik bei Pro Alps fasst diese besorgniserregende Entwicklung folgendermassen zusammen: «Das ist ein Abbau im Herzstück des Schweizer Schienengüterverkehrs, der auch für den Alpenschutz problematisch ist.» Denn bereits heute stammen mehr als die Hälfte der alpenquerenden Lastwagenfahrten aus dem Import-, Export- und Binnenverkehr. So führt Gnos weiter aus: «Wird der Schweizer Schienengüterverkehr geschwächt, drohen zehntausende zusätzliche Lastwagenfahrten durch die Alpen.»
Auch die Branche ist aufgrund des rigorosen Vorgehens von SBB Cargo aufgebracht. Viele Kundinnen und Kunden können und wollen ihre Logistikprozesse nicht innert Monaten umstellen und schlucken die massiven Verschlechterungen im EWLV vorerst. Doch genau darin liegt das Risiko: Verkehre verschwinden nicht über Nacht, sondern schrittweise. Was heute noch auf der Schiene bleibt, kann morgen auf der Strasse landen.
Jetzt kommt die Quittung
Ende Juni befasste sich die nationalrätliche Verkehrskommission mit der Rückverlagerung im EWLV. Sie liess sich von Branchenvertreterinnen und -vertretern über die Lage im Schienengüterverkehr informieren, beauftragte die Verwaltung mit zusätzlichen Abklärungen zum EWLV und will die Diskussion im Herbst fortsetzen. Denn die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation und SBB Cargo reicht von links bis rechts des politischen Spektrums.
Doch Empörung reicht nicht. Bundesrat und Parlament haben die Rahmenbedingungen so gesetzt: kein Verlagerungsziel im GüTG, keine Vorgaben zum Angebot und den Verkehrsmengen. Jetzt müssen sie verhindern, dass mit öffentlichen Geldern am Ende nicht der Schienengüterverkehr gestärkt, sondern sein geordneter Rückbau finanziert wird.
Pro Alps fordert kürzere Leine für SBB Cargo
Pro Alps fordert vom Bund, dass er SBB Cargo enger führt. Eignerziele, Leistungsvereinbarung und GüTG müssen auf ein klares Ziel ausgerichtet werden. Namentlich darauf, Rückverlagerung auf die Strasse zu verhindern und mittelfristig den Anteil der Schiene am Gesamtgüterverkehr zu erhöhen. SBB Cargo ist ein Bundesunternehmen und wird mit öffentlichen Mitteln unterstützt. Der Bundesrat darf nicht tatenlos zuschauen, wenn sich dieses Unternehmen aus zentralen Teilen des Güterverkehrs zurückzieht.
Nun verliert SBB Cargo ihre Eigenständigkeit
Vor diesem Hintergrund erhält die angekündigte Umstrukturierung einen bitteren Nachgeschmack: SBB Cargo soll ihre Eigenständigkeit als Aktiengesellschaft (AG) verlieren und in den SBB-Konzern integriert werden.
Die SBB bevgründet diesen Schritt mit organisatorischen Vorteilen. Diese sind kurzfristig aus gewerkschaftlicher Perspektive nicht von der Hand zu weisen. Kehrt der Verkehr auf die Strasse zurück, wird es auch das Personal mittelfristig treffen. Bei Pro Alps wirft der Entscheid grundlegende Fragen auf. Gerade in einer Phase, in der der Schienengüterverkehr unter Druck steht, wäre eine starke und eigenständige Stimme für die Interessen des Güterverkehrs wichtiger denn je. Silvan Gnos sagt dazu: «Es besteht die Gefahr, dass die spezifischen Bedürfnisse des Güterverkehrs innerhalb des Konzerns künftig noch weniger Gewicht erhalten.» Es darf nicht passieren, dass die Interessen des SBB-Konzerns über den Erhalt oder bestenfalls sogar Ausbau eines starken Schienengüterverkehrs dominieren.
Pro Alps wird die Entwicklungen weiterhin eng verfolgen und sich als Stimme der Alpen gezielt in die Debatte einbringen.
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