PS statt öV: Fünf Nominierte für den Teufelsstein 2026
Pro Alps
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Oberalpass - Eine Behörde macht Alpenpässe zur Bühne für PS-Tourismus.
Über die Hälfte des Schweizer Personenverkehrs ist heute Freizeit- und Tourismusverkehr – mehr als der Pendelverkehr und somit der grösste Mobilitätstreiber des Landes. Mit dem Schmähpreis «Teufelsstein» prangert Pro Alps Projekte an, die diesen Trend aktiv verstärken und die Alpen unnötig mit Autos belasten. Ab heute kann die Öffentlichkeit abstimmen.
Überdimensionierte Parkhäuser, gesperrte Pässe für Luxusautos und Events, die ganze Talschaften verstopfen: Pro Alps stellt fünf Projekte vor, die für den Teufelsstein 2026 nominiert sind. Sie alle bringen mehr Autoverkehr in den Alpenraum. Vom 22. Juli bis 31. August kann die Öffentlichkeit entscheiden, welches Angebot den Schmähpreis dieses Jahr erhalten soll.
Das Parkhaus Stöckalp: 184 neue Auto-Plätze für Melchsee-Frutt (Obwalden)
Die Korporation Kerns hat im November 2025 einen Baukredit von 8,2 Millionen Franken für die Aufstockung des Parkhauses Stöckalp genehmigt: von 232 auf 416 Plätze. Laut Beschlussprotokoll reisen seit der Coronapandemie mehr Gäste allein im Auto an; die Investition verstärkt diesen Trend, statt ihn zu brechen. Das Ungleichgewicht zeigt der Sommer deutlich: Autofahrende parkieren an der Stöckalp gratis – unbeschränkt, aktiv beworben. Für den öV gelten bescheidene RailAway-Rabatte, das attraktivste Angebot ist kontingentiert und nur online buchbar. Ein Sommer-Pauschalangebot mit dem Tarifverbund Passepartout besteht nicht mehr. Um die absolute Zahl geht es nicht: Jeder zusätzliche Platz bestätigt das Auto als selbstverständliches Anreisemittel. Pro Alps hat den Dialog mit den Verantwortlichen gesucht. Von Seiten Sportbahnen Melchsee-Frutt verzichtet man ausdrücklich auf eine Stellungnahme.
Der I.C.E. St. Moritz: Verkehrskollaps für Supercar-Spektakel (Graubünden)
The I.C.E.» (International Concours of Elegance) präsentiert jährlich Oldtimer und Luxusfahrzeuge auf dem gefrorenen St. Moritzersee. 2025 legte der Event den Verkehr im Oberengadin lahm: Rückstaus bis Samedan und Pontresina, Blaulichtorganisationen kamen nicht durch. 2026 verhinderte nur ein Konzept mit über 2100 Parkplätzen den erneuten Kollaps knapp; die Kantonspolizei Graubünden warnt jedes Jahr vor massiven Behinderungen. Viele der rund 50 Fahrzeuge fliegen aus den USA oder Japan ein und gelangen per Lastwagen ins Engadin. Der Event feiert den fossilen Individualverkehr als Glamour.
Magic Pass: Strukturelle Anreize für die Autoanreise (Wintersport schweizweit)
Der Magic Pass ist eine Saison-Flatrate für rund 100 Bergbahnen und ein kommerzieller Erfolg: 368’000 verkaufte Abos im Juni 2026, für den Winter 2026/27 prognostiziert Magic Pass 395’000. Pro Alps kritisiert weder die Freude am Wintersport noch die Unterstützung kleinerer Bergbahnen, die wirtschaftlich unter Druck stehen. Im Zentrum steht die Mobilität dahinter: Die Flatrate belohnt möglichst viele Tagesausflüge, und über 90 Prozent der Kundschaft reisen laut Direktor Travelletti mit dem eigenen Auto an. Die Anreise denkt das Modell erst ansatzweise mit – volle Parkplätze und verstopfte Zufahrten treffen ausgerechnet die Spitzentage.
Magic Pass reagiert auf die Anfrage von Pro Alps und kündigt konkrete Massnahmen an: Ab November 2026 integriert das Projekt «Magic Travel» fünf öV-Tagesfahrten ins Abo. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Der Verkauf läuft allerdings seit dem Frühling – die öV-Integration folgt erst Monate später. Zudem kontingentiert Magic Pass den öV-Zugang. Das Unternehmen begründet dies mit den begrenzten Buskapazitäten. Für die Gäste bleibt die Anreise mit dem öffentlichen Verkehr damit die schwierigere Option.
Die «Grand Tour of Switzerland»: Autofokussierte Tourismusroute (Schweiz Tourismus)
Schweiz Tourismus lancierte 2015 die «Grand Tour of Switzerland» – eine 1643 Kilometer lange, signalisierte Route, die Reisende per Auto oder Motorrad durch alle Landesteile über zahlreiche Alpenpässe führt. Ausgerechnet das Land, das sich international mit seinem öV-System schmückt, baut damit eine nationale Werbekampagne, die Gäste hinter das Lenkrad lenkt. Medien kritisierten die Tour schon bei der Lancierung als aus der Zeit gefallen; auch die Grüne Partei und der VCS beanstanden die Förderung des Strassenverkehrs in den Bergen. Zwar folgte mit der Grand Train Tour of Switzerland auch das Pendant auf der Schiene. Doch wieso Schweiz Tourismus weiterhin eine Autoroute ins Zentrum stellt, statt die Reiselust konsequent auf den umweltfreundlichen öV zu lenken, bleibt fragwürdig.
Dazu kommt: Ein Konzept zur Besucherlenkung an den beworbenen Foto-Spots fehlt. Selbst in der Stadt Luzern forderte ein Postulat 2025 den Ausstieg aus der Route, weil sie der städtischen Mobilitätsstrategie widerspricht. Der Stadtrat unterstützte das Anliegen und erklärte sich bereit, die Wegweiser auf städtischem Boden zu entfernen – das Stadtparlament lehnte das Postulat im Juni 2026 schliesslich ab. Die Debatte zeigt dennoch: Die autofokussierte Route gerät selbst in den Tourismusdestinationen unter Druck.
Kanton Uri: Passstrassen für Supercar-Veranstaltung freigegeben (Uri)
Der Kanton Uri gab die Furka- und Oberalppässe für die «SOC x Classic Driver»-Veranstaltung frei: eine Grossveranstaltung, die zahlreiche Oldtimer und Vintage-Supercars in sensitive alpine Lebensräume bringt. Das Problem liegt in der Symbolik: Der Kanton Uri setzt sich ambitionierte Klimaziele und nennt den Verkehr selbst als Hauptverursacher – er ist für über die Hälfte der Emissionen verantwortlich und soll bis 2030 um 21 Prozent reduziert werden. Die Freigabe dieser Passstrassen für ein Event, das motorisierte Mobilität als Prestige inszeniert, widerspricht genau diesen Zielen. Besonders bedenklich: Anwohnende berichten von halsbrecherischen Trainingsfahrten der Raser bereits vor dem offiziellen Event-Start und stellen die Frage, ob die Behörden bewusst wegschauten – die Polizeikontrolle fand erst nach diesen gefährlichen Fahrten statt. Die Anwohnenden in Andermatt und der Umgebung und die Alpen tragen die unmittelbaren Kosten dieser Inszenierung.
Abstimmung vom 22. Juli bis 31. August 2026
Siegerverkündung: September 2026
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