Bald Zustände wie am Brenner?
Pro Alps
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Lkw-Stau am Brenner
Die Schweiz steuert im Jahr 2026 auf jährlich eine Million alpenquerende Lastwagenfahrten zu. Diese Entwicklung steht im deutlichen Widerspruch zu Verfassungsauftrag und geltendem Recht. Ohne politische Kurskorrektur bewegt sich die Schweiz auf Zustände wie am Brenner zu.
Die Verlagerungspolitik steckt tief in der Krise. Statt weniger rollen immer mehr Lastwagen durch die Schweizer Alpen. Der jüngste Halbjahresbericht des Bundesamts für Verkehr (BAV) zeigt, wie weit sich die Schweiz inzwischen von ihrem eigenen Verfassungsauftrag entfernt hat. Im ersten Halbjahr 2026 überquerten 511’000 Lastwagen die Schweizer Alpen, 7,2 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Das gesetzliche Verlagerungsziel von 650’000 Lastwagenfahrten rückt in weite Ferne. Gleichzeitig sank der Anteil der Schiene auf 68 Prozent und verlor bereits zum fünften Mal in Folge Marktanteile an die Strasse.
Beunruhigend ist, dass der Lastwagenverkehr in der Schweiz derzeit sogar doppelt so stark wächst wie am Brenner: Im ersten Semester 2026 betrug die Zunahme hierzulande 7,2 Prozent, am Brenner 3,6 Prozent. Die Entwicklung zeigt, dass sich die Schweiz verkehrspolitisch in die falsche Richtung bewegt.
Eine Million Lastwagen im Jahr 2026
Die aktuelle Entwicklung droht die Erfolge der Schweizer Verlagerungspolitik im Eiltempo zunichtezumachen. Die Semesterzahlen deuten darauf hin, dass die Schweiz im Jahr 2026 erneut auf rund eine Million alpenquerende Lastwagenfahrten zusteuert. Damit würde eine rote Linie überschritten: Bereits seit 2011 sollte gemäss Verlagerungsgesetz (GVVG) das Zwischenziel von höchstens einer Million Lastwagenfahrten pro Jahr eingehalten werden. 2016 wurde dies schliesslich erreicht. Doch heute, zehn Jahre später drohen wir diese kritische Schwelle wieder zu durchbrechen. Das gesetzliche Verlagerungsziel von 650’000 Fahrten rückt in weite Ferne. Silvan Gnos, Leiter Politik bei Pro Alps, kommentiert: «Bund und Parlament müssen die Verantwortung endlich übernehmen, geltendes Recht einhalten und den Verlagerungsauftrag in der Schweizer Bundesverfassung konsequent erfüllen.»
Der Alpenschutz wird ausgehöhlt
Die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs auf die Schiene ist seit 1994 Verfassungsauftrag. Trotzdem entfernt sich die Schweiz Jahr für Jahr weiter von diesem Ziel. «Derzeit fährt alle 19 Sekunden ein Lastwagen durch die Schweizer Alpen. Das zeigt, wie der Alpenschutz schrittweise ausgehöhlt wird», sagt Gnos. Die Folgen sind mehr Lärm, Dreck, CO2-Emissionen und Stau entlang der Transitachsen. Besonders problematisch ist dies vor dem Hintergrund des ebenfalls stark zunehmenden alpenquerenden Personenverkehrs. Der insgesamt steigende Verkehr belastet die Bevölkerung in den Alpenregionen massiv und steht im direkten Widerspruch zum verfassungsmässigen Auftrag, die Alpen vor den negativen Auswirkungen des Transitverkehrs zu schützen.
Der Brenner zeigt, wohin die Entwicklung führen kann
Am Brenner rollen jährlich rund 2,5 Millionen Lastwagen und über 12 Millionen Personenwagen durch die Alpen. Die Folgen sind Regionen, die einen immer höheren Preis für den europäischen Transitverkehr bezahlen. Während wirtschaftliche Interessen und der Wunsch nach möglichst schnellen Nord-Süd-Verbindungen dominieren, werden Bevölkerung, Umwelt und Alpenschutz förmlich überrollt. Gnos sagt hierzu: «Der Brenner ist kein fernes Szenario. Wenn der alpenquerende Lastwagenverkehr in der Schweiz sogar doppelt so schnell wächst wie am Brenner, müssen bei Bund und Parlament alle Alarmglocken läuten.» Pro Alps steht regelmässig mit Partnerorganisationen in anderen Alpenländern im Austausch und verfolgt diese Entwicklung mit Sorge. Gnos warnt: «Am Brenner sehen wir, was passiert, wenn wirtschaftliche Interessen den Alpenschutz verdrängen. Die Schweiz hat sich mit der Alpeninitiative bewusst für einen anderen Weg entschieden. Bund und Parlament dürfen diesen Grundsatz nicht weiter aushöhlen.»
Politische Entscheide legen Richtung fest
Die derzeitige Situation ist die Folge von politischen Entscheidungen oder eben auch politischem Nichtstun. Zur Erinnerung: Ende 2025 wurde die Rollende Landstrasse (Rola), auf welcher ganze Lastwagen auf der Schiene befördert werden, frühzeitig eingestellt. Bund und Parlament schauten zu. Gnos führt aus: «Pro Alps hat vor den Folgen des Rola-Endes gewarnt. Nun zeigt sich: Mit der Einstellung der Rola fahren nun zehntausende zusätzliche Transitlastwagen durch die Schweizer Alpen.»
Um die Verlagerungspolitik wieder auf Kurs zu bringen, braucht es jetzt die richtigen politischen Entscheide:
- Verursacherprinzip statt Billigtransit: Der Lastwagenverkehr verursacht in der Schweiz jährlich ungedeckte Kosten von rund 3,4 Milliarden Franken. Trotzdem schöpft die Schweiz die Möglichkeiten der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) bis heute nicht aus. Für eine Transitfahrt von Basel nach Chiasso wären gemäss Landverkehrsabkommen mit der Europäischen Union bis zu 344 Franken möglich, tatsächlich werden weniger als 300 Franken verlangt. Allein die ungenügende Teuerungsanpassung der LSVA führte 2024 zu Mindereinnahmen von rund 250 Millionen Franken. Die LSVA-Revision, die in dieser Herbstsession abgeschlossen wird, muss deshalb das Verursacherprinzip stärken statt verwässern.
- Wettbewerbsfähigkeit der Schiene stärken: Die Schiene bleibt gegenüber der Strasse strukturell benachteiligt. Im Ausland unzureichende Zulaufstrecken zur NEAT, wiederkehrende Störungen im internationalen Bahnverkehr und politisch verursachte Wettbewerbsvorteile für den Lastwagenverkehr setzen den Schienengüterverkehr unter Druck. Umso wichtiger ist die Weiterführung der Fördermittel für den unbegleiteten kombinierten Verkehr (UKV). Sie verhindern eine weitere Rückverlagerung auf die Strasse und schaffen die notwendige Planungssicherheit für die Branche. Gleichzeitig muss der Bund den Ausbau der internationalen Zulaufstrecken mit deutlich mehr Nachdruck vorantreiben.
- Verlagerung im Inland voranbringen: Die Verlagerungspolitik kann nur erfolgreich sein, wenn auch der Schweizer Schienengüterverkehr gestärkt wird. Mehr als die Hälfte der alpenquerenden Lastwagenfahrten stammt aus dem Import-, Export- und Binnenverkehr. Umso alarmierender ist der aktuelle Rückbau beim Einzelwagenladungsverkehr (EWLV) von SBB Cargo. Während Verkehrsleistungen zurückgehen, reduziert SBB Cargo die Angebote und dünnt das Netz aus. Das ist ein Abbau im Herzstück des Schweizer Schienengüterverkehrs, der auch für den Alpenschutz problematisch ist. Wird der Schienengüterverkehr im Inland geschwächt, drohen zehntausende zusätzliche Lastwagenfahrten durch die Alpen.
Noch ist die Schweiz weit von Zuständen wie am Brenner entfernt. Doch wenn Bund und Parlament die Verlagerungspolitik nicht rasch wieder auf Kurs bringen, drohen auch entlang der Schweizer Transitachsen Zustände wie am Brenner.
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